BLOGPARADE: Zeitgemäßes Lernen- mehr Netflix als Tatort #lernparade

Mein ehemaliger Kollege und langjähriger Freund Bob Blume hat zur Blogparade #lernparade zum Thema „Zeitgemäßes Lernen“ eingeladen und in den folgenden Zeilen könnt ihr meine Ansichten dazu lesen.

Als ich das Thema gelesen habe, dachte ich mir sofort, dass ich hier eine super tolle Meinung habe und diese aufschreiben sollte. Habe gedacht, dass ich hier aktuellste Modelle in den Raum werfen und von einer Idee eines idealen Unterricht schreiben kann. Im Laufe meiner Überlegungen kam ich für mich dann immer wieder zum Entschluss, dass zeitgemäßes Lernen nicht einfach nur der Einsatz von digitalen Hilfsmitteln ist, dass dies in meinen Augen sogar nur einen sehr kleinen Punkt ausmacht. Zeitgemäßes Lernen passiert für mich in den Köpfen der Lehrer, Schüler und Eltern.

Sollte zeitgemäße Bildung nicht immer genau das gleiche Ziel verfolgen, nämlich den maximalen Lernzuwachs und die maximale Entfaltung eines jeden Kindes zu ermöglichen? Und ist dieses Ziel nicht vollkommen unabhängig davon, ob diese Diskussion 1970 oder 2019 geführt wird?

Zeitgemäßes Lernen ist für mich mehr als nur ein Baustein oder ein weiterer Begriff in einer ewigen Diskussion um digitales Lernen, lernen im Zeitalter der Digitalität usw., zeitgemäßes Lernen ist für mich vielmehr eine geistige Haltung, die alle an der Erziehung und Bildung beteiligten Personen einnehmen sollten.  Natürlich, die Gesellschaft hat sich in den vergangenen 50 Jahren stark verändert, die Anforderungen in den Berufen sind komplett andere…ja, von einem Großteil der heutigen Berufe hat man vor 50 Jahren noch nicht mal gewusst, dass es sie mal geben wird. Aber hat ein Lehrer, der damals bereits offen für neue Ideen war, der Dinge ausprobiert hat und sein Menschenmöglichstes gegeben hat, damit die Schülerinnen und Schüler zu fähigen Mitgliedern der Gesellschaft werden können, nicht auch zeitgemäß unterrichtet? Zeitgemäßes Lernen hat für mich also nicht zwingend etwas mit dem Einsatz digitaler Medien zu tun, sondern vielmehr damit, dass man bereit ist alle Mittel auszuschöpfen, die einem zur Verfügung stehen. Heutzutage bedeutet das eben, dass man das Internet nicht aus der Schule verbannen kann. Das heißt auch, dass man ein System wie die Schule, dass sich in eben diesen 50 Jahren nur wenig entwickelt hat, vielleicht anders verstehen muss. Wir leben nicht mehr im Zeitalter des klassischen Tatorts, wir sind eine „on-demand-Gesellschaft“. Jeder möchte das konsumieren was er will, wann er will und wo er will. Wir wollen nicht mehr sonntagsabends vor dem TV sitzen und die Serie dann schauen, weil es der Sender so vorgibt. Wir wollen unsere Lieblingssendung unterwegs anschauen und zwar dann wann es uns passt…zur Not mit Pausen. Die Schule muss sich also selbst neu erfinden. Muss mehr Netflix als Tatort sein. Muss Inhalte so anbieten, dass jeder Schüler so arbeiten kann wie er will, wann er will und wo er will. Darf nicht in 45 Minuten denken, sondern in Sinneinheiten, in Projektabschnitten. Weg vom Lehrer als Orchestrator, hin zum Experten, den man sich dann holt, wenn man Hilfe braucht. Hier gefällt mir vor allem der Begriff der „Batman-Didaktik„: Dann da sein, wenn man gebraucht wird. Mit dem Unterschied, dass der Lehrer das „Problem“ oder die Ausgangssituation schafft. Er muss also der Joker und Batman in einem sein. Muss die Schüler vor ein Problem stellen, dass sie bis zu einem gewissen Grad selbst meistern können, dann aber auf die Hilfe eines Experten angewiesen sind. Wir müssen den Schülern den Raum geben Lösungen zu finden, Fehler zu machen und eigene Erfahrungen zu sammeln. Dieser Raum kann lokal sein, kann aber auch zeitlich sein…oder geistig. Nichts freut mich mehr als wenn ein Schüler eine Lösung auf ein Problem findet, auf die ich selbst nicht gekommen bin. Sei es im Deutschunterricht eine tolle sprachliche Formulierung oder im Sportunterricht eine neue Spielregeln, die eine Störung des Spielflusses beseitigt.

Können (Lehrer und) Schüler überhaupt (zusammen) zeitgemäß lernen?

Ich komme zurück zu meiner 8.Klasse in Kunst. Da ich aus eigener Erfahrung weiß, dass man mit Musik besser kreativ arbeiten kann, erlaube ich den Schülern einen Ohrstöpsel ihres Kopfhörers einzustecken und in den Arbeitsphasen Musik zu hören. Einzige Bedingung ist, dass sie mich verstehen und bei einer Ansage den Kopfhörer rausnehmen müssen. Jetzt liegt also bei jedem Schüler das Handy auf dem Tisch, die Nutzung ist grundsätzlich erlaubt und dennoch höre ich immer wieder Sätze wie  „ich weiß nicht, wie xy aussieht“ „wie malt man dies und das?“. Auf die Idee, dass das Handy mehr als nur ein teurer MP3-Player ist, kommen die wenigsten, obwohl ich ihnen zu Beginn des Schuljahres einige tolle Seiten mit Lernvideos gezeigt habe. Auf einem Arbeitsblatt zu Schraffurtechniken habe ich einen  QR-Code bereitgestellt, der auf ein YouTube-Video weiterleitet. Eine Schülerin konnte diesen QR-Code nicht scannen, da sie die entsprechende App dafür nicht auf dem Handy hatte. Als ich ihr dann erklärt habe, dass man diese kostenlos herunterladen konnte, meinte sie einfach nur, dass sie sicherlich keine Bilder oder Musik von meinem Handy löschen werde, damit sie solche Codes scannen könne…der Speicher sei komplett voll. Was willste da machen?

Diese beiden Erfahrungen haben mich echt ins Grübeln gebracht…sind unsere Schüler überhaupt bereit zeitgemäß zu lernen? Erkennen sie das unglaublich Potenzial, welches die digitale Welt für sie bereithält? Ich möchte hierbei natürlich nicht für die Allgemeinheit sprechen, aber einige Schüler aus meinen Klassen scheinen mit einem traditionellen Weltbild aufzuwachsen, welches auch genau so bleiben soll: traditionell…wie es schon immer war…keine Veränderung möglich…was der Bauer nicht kennt,…So lange die Schule als eine Art nötiges Übel auf dem Weg zum Beruf, den man dann für den Rest des Lebens ausüben wird, betrachtet wird, kann sich daran nichts ändern.

Beim Gang ins Lehrerzimmer habe ich mir beim Blick in die Runde zudem gedacht, kann zeitgemäßes Lernen in der Kombi Schüler-Lehrer wirklich richtig funktionieren? Sind (viele) Lehrer nicht einfach viel zu weit weg von der Lebenswelt der Schüler? Wie soll ein Lehrer, der das Smartphone grundsätzlich aus seinem Unterricht verbannt und sein Material über alte OHP-Folien präsentiert zeitgemäßes Lernen ermöglichen? Sicherlich, ich habe viele Kolleginnen und Kollegen erlebt, die offen für neue Ideen sind. Am Ende bleiben aber viele beim Altbewährten, da sie zu unsicher sind offene, von ihnen bisher unbenutzte, Wege zu gehen. In einer zeitgemäßen Lernumgebung müssen auch Lehrer Fehler machen dürfen, müssen unsicher sein dürfen. Eventuell finden die Schüler oder im Idealfall die Schüler mit dem Lehrer zusammen die Lösung für das Problem.

Fazit: Zeitgemäßes Lernen verstehe ich als eine dynamische und flexible Haltung, die in den Köpfen der Lehrer und Schüler passiert. Diese Haltung führt dann zu konkreten Unterrichtskonzepten. Es geht darum neue Ideen zu finden, auf die Erfahrung anderer zurückzugreifen (Blogs, Expertenmeinungen,…), um nicht die gleichen Fehler wieder und wieder zu machen. Es geht darum miteinander Dinge herauszufinden. Voneinander zu lernen. Zu schauen welche Mittel zur Verfügung stehen und diese dann im richtigen Moment zu nutzen. Und wenn mal was Wichtiges dazwischen kommt, dann macht man eine Pause. Eben ganz wie bei Netflix…

2 Kommentare zu „BLOGPARADE: Zeitgemäßes Lernen- mehr Netflix als Tatort #lernparade

  1. Schöner Artikel! Ich kann die Beobachtungen genauso wiedergeben. Ich habe Schüler, die beim Schreiben einer E-Mail überfordert sind oder in Word noch nie was von Formatvorlagen in Word gehört haben. Aber sowas sehe genauso unter Kollegen. Warum auch nicht, bislang ist man ja auch noch ohne ausgekommen. Aber du sagst ganz richtig: Wenn wir nicht anfangen, die Welt und Technik da draußen in den Unterricht zu integrieren, wird Schule noch mehr ein Fossil, als ich es schon in den 90ern als Schüler empfunden habe.

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