Shitstorm-Cybermobbing-Simulator

-Die Macht und Gefahr der Anonymität im Netz im Selbstversuch erleben-

Grundlage dieses Experiments ist ein 3-stündiger Poolunterricht mit dem Thema „Medienerziehung“, welchen ich inhaltlich frei gestaltet konnte. Mir war klar, dass ich den Schülern viel erzählen kann, ein echter Lerneffekt nur dann eintreten kann, wenn die Schüler selbst Teil dieser Medienlandschaft werden und eigene Erfahrungen machen. Deshalb habe ich diesen Simulator entworfen, welcher den Kindern der 9.Klasse (RS BaWü) reale Einblicke liefert. Ich habe den Simulator mit drei 9.Klassen durchgeführt und meine Herangehensweise zusammengefasst.

Impuls: Das Leben im Netz nimmt heutzutage eine immense Rolle unseres Lebens ein. Dies bringt viele Vorteile mit sich, allerdings auch eine Gefahren. In diesem Selbstversuch sollen SchülerInnen sehen, wie schnell sich ein Shitstorm entwickeln kann, wie man sich richtig verhält, wenn man Zeuge eines solchen Falls wird und was die Folgen für Opfer und Täter sein können. Besonders wichtig war es mir dabei, dass kein Schüler dafür als Versuchskaninchen herhalten muss.

Versuchsaufbau: Auf http://www.padlet.com wird eine digitale Pinnwand eingerichtet. amanda toddAls Formatierung hat sich „Raster“ oder „Leinwand“ als praktisch erwiesen. Während Raster vom Stil her nahe an einen Chatverlauf bzw. eine Kommentarleiste herankommt, da alle Beiträge untereinander gesammelt werden, bietet Leinwand den Vorteil, dass die Beiträge in der späteren Bearbeitung frei verschoben und gruppiert werden können. Als Impuls für den Shitstorm habe ich ein Foto von Amanda Todd gewählt (siehe Screenshot), da man den Schülern in der Reflexion die realen Folgen ihres Verhaltens zeigen kann. Ergänzt wurde das Foto durch einen Text, welcher typisch für die Posts jugendlicher Schülerinnen ist.

Nun werden den Schülern Rollen zugeteilt (stehen am Ende des Artikels zum Download bereit). Falls es das Setting ermöglicht, sollte man die Schüler mit dem Smartphone arbeiten lassen, da sie dann komplett unbeobachtet und anonym arbeiten können. Falls dies nicht möglich sein sollte, dann empfiehlt es sich darauf hinzuweisen, dass man möglichst nicht auf dem Monitor des Nachbarn spicken soll, da sonst die Anonymität verloren geht. Die Verteilung der Rollen sollte man nicht komplett dem Zufall überlassen. Im Sinne des Experiments sollten starke Charaktere sowohl unter den Cybermobbern als auch unter den Helfern sein. Zudem sollten diese beiden Gruppen zahlenmäßig ungefähr gleich sein.

Bevor die Schüler in die freie Arbeit entlassen werden, sollte man sogar explizit darauf hinweisen, dass sie an ihre Anonymität denken sollen und diese auch bis zuletzt gewahrt bleibt. Sie brauchen also keine Strafen zu befürchten, da niemand weiß, wer was posten wird.

Versuchsablauf: Die SchülerInnen arbeiten nun frei und handeln entsprechend ihrer Rollenkarten. Falls der Shitstorm nicht richtig in Schwung kommen will, kann man sich als Lehrperson auch aus dem Padlet ausloggen (das ist ganz wichtig!) und dann ebenfalls anonym auf der Pinnwand agieren. Zum vereinbarten Zeitpunkt treffen sich alle SchülerInnen dann wieder.

Das Ergebnis eines 30 minütigen Shitstorms ist auf diesem Padlet nachzulesen:

https://padlet.com/pascals15/Medienerziehung

Reflexion: In der Reflexionsphase geht es darum, dass die Schüler ihre Denkweisen und Emotionen während des Experiments äußern. Ich habe es den Schülern frei gestellt, ob sie ihre Rolle preisgeben, die meisten haben dies dann allerdings getan (welcher Post dann im Konkreten von ihnen war, blieb natürlich geheim). In allen 3 Durchläufen des Experiments haben die Mobber von einem Gefühl der Macht gesprochen, welches ihnen die Anonymität verliehen hat. Gleichzeitig klagten die Helfer darüber, dass sie sich hilflos fühlten und am Ende keinen Sinn mehr in ihrem Handeln sahen, da sie nicht wahrgenommen wurden. Der große Aha-Effekt kam vor allem aus der freien Gruppe, da es hier Schüler gab, die offen zugaben, dass sie sich den Mobbern anschlossen, da sie diese Macht spüren wollten, während andere nur als reiner Zuschauer agierten und nur sehr wenige „Amanda Todd“ zur Seite standen.

Nachbereitung: In Anschluss an die persönlichen Eindrücke bekommen die Schüler ihre Empfindungen empirisch belegt. Zentraler Punkt hierbei war der disinhibition effect, also die fehlende Empathie und Zurückhaltung im Netz. Dieses Phänomen haben die Schüler relativ schnell verstanden, sodass wir den Shitstorm rekonstruieren konnten.Ergebnis 9c

Die Leinwand-Funktion bietet hierzu die Möglichkeit die Posts zu sortieren. Zudem können sie vom Admin farbig markiert werden. In diesem Fall (siehe Screenshot) könnte man alle roten Posts zur Anzeige (u.a. Beleidigung, Morddrohung) bringen, alle grünen Posts zeigen Unterstützung für Amanda Todd.

Im Anschluss an die Faktenlage, bekommen die Schüler das „Ergebnis“ ihres Shitstorms zu sehen. In ihrem Abschiedsvideo (https://www.youtube.com/watch?v=bwZb0slgtAU) erklärt Amanda Todd, dass sie sich genau wegen solcher Fehlverhaltene das Leben nehmen wird.

Abschluss: Zum Abschluss des Experiments haben die Schüler in Kleingruppen einen Leitfaden zur Prävention und zum Umgang mit Cybermobbing verfasst. Dieser soll als kleines Leporello- Faltheft gedruckt und an die Schüler verteilt werden. Als Grundlage habe ich den Schülern folgende Links in einem ZUMpad zur Verfügung gestellt (darüber hinaus konnten natürlich auch eigene Quellen recherchiert werden):

(Disclaimer: bei Veröffentlichung des Blogposts sind die Info-Broschüren der Schüler noch nicht fertiggestellt. Sobald dies der Fall ist, werden sie hier zu finden sein.)

Ich hoffe, dass meine Ausführungen soweit nachvollziehbar sind, ansonsten stehe ich natürlich bei Rückfragen bereit. Ich würde mich freuen, wenn andere Schüler ebenfalls diese Erfahrung machen und gewinnbringende Ergebnisse entstehen können.

Und hier noch wie versprochen die Rollenkarten für die Schüler. Beim eigenen Experiment müsste man den QR-Code und die URL anpassen.

Rollenkarten_Shitstorm-Simulator

 

 

 

 

 

1 Kommentar zu „Shitstorm-Cybermobbing-Simulator

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